Einführung
Der Anteil der Haartransplantationen bei Frauen beträgt 5–15% vom Gesamtanteil der Haartransplantationen. Weitaus mehr Frauen haben Haarausfall oder irreversiblen Haarverlust an prädisponierten Stellen und könnten kausal durch eine Haartransplantation therapiert werden.
Oftmals finden die Frauen den Weg zum Spezialisten für Haartransplantation erst nach Jahren und haben eine Odyssee durch viele Hautarztpraxen und Haarsprechstunden hinter sich.
Am schwierigsten ist die Einschätzung der Operabilität und der optischen Verbesserung durch eine Haartransplantation für überweisende Ärzte. Je erfahrener ein Arzt in puncto Haartransplantation ist, desto leichter fällt die Einschätzung, je unerfahrener, desto zwingender sind Hilfsmittel und Messverfahren erforderlich (Messgrößen: Haardichte = »Hair density donor«[HDD]; Haarstruktur, Haarfarbe,Haarmasse = »Hair mass index«=Haarmassenindex).
Um mehr empirische Daten über Haartransplantationenbei Frauen zu sichern, wurden die Behandlungsunterlagenunserer Belegklinik in den Niederlandenaus den Jahren 2002 und2003 aufgeabeitet.
Material und Methode
Vom 1.1.2002 bis 31.12.2003 wurdendurch unser Team in den Niederlanden148Eigenharwurzeltransplantationen bei Frauen durchgeführt. Wir sammelten und verglichen die Daten aus Operationsbericht und postoperativem Verlauf bis zu einem halben Jahr nach dem Eingriff. Die Daten wurden mit einer Gruppe von 893 im gleichen Zeitraum operierten Männern verglichen und daraus Schlussfolgerungen gezogen.
Resultate
Insgesamt wurden 148 Haartransplantationen an 128 Frauen durchgeführt (20 Frauen hatten 2 Operationen). 108 dieser Frauen waren bereits nach einer Haartransplantation zufrieden (84,4%). Größte Indikationsgruppe war die androgenetische Alopezie (AA) vom weiblichen Typ (93 = 72,7%), gefolgt von androgenetischer Alopezie (AA) vom männlichen Typ (18 = 14,1%) und narbiger Alopezie (10 = 7,8%). Es folgten Frauen mit hereditärer Alopecia congenita triangularis (5 = 3,9%) und mit Augenbrauenrekonstruktion (2 = 1,5%) (Abb. 1).

Die Haardichte (Trichodensitometrie) im Donorgebiet und die transplantierte Haargruppendichte im Empfängergebiet war bei Männern und Frauen annähernd gleich.
– Die Haarmasse der Frauen (Haarmassfresultateenindex) war niedriger als in einer Gruppe von 893 behandelten Männern im Vergleichszeitraum.
– Im Vergleich zum Operationssitus beim Mann war das Gewebe weicher und feiner und die Gewebeschichten insgesamt dünner.
Fallbeispiele
1) Androgenetische Alopezie der Frau vom männlichen Typ
Der Haarausfall verläuft ähnlich wie beim Mann von vorn nach hinten. Die Spenderhaarqualität ist gut (Abb. 2 u. 3).

Abb. 2: vor der Haartransplantation

Abb. 3: ein Jahr nach Haartransplantation
2) Androgenetische Alopezie der Frau vom weiblichen Typ (»worst case«)
Die Haare sind insgesamt sehr fein und dünn, auch im Spendergebiet ist die Qualität schlecht. Bei der Transplantation müssen die Grafts gebündelt verpflanzt werden, um die Dichtewirkung zu erhöhen. Das erfordert viel Geschick, Erfahrung und sehr gutes Equipment wie Spezialset Haartransplantation und Mikroskop (Abb. 4 u. 5).

Abb. 4: Androgenetische Alopezie (weibl.Typ) vor
Haartransplantation

Abb. 5: Androgenetische Alopezie (weibl. Typ) 6 Monate
nach Haartransplantation (600 Grafts)
3) Narbige Alopezie nach Radiatio
Die Haut ist durch die Bestrahlung geschädigt, die Durchblutung vermindert. Mikrotransplantate wachsen trotzdem an, wenn sie klein genug präpariert sind und wenn die Transplantat- Empfängerkanäle in Tumeszenztechnik und möglichst atraumatisch mit Sicherheitsabstand angebracht werden (Abb. 6 u. 7).

Abb. 6: 11-jähriges Mädchen nach Bestrahlung mit
dauerhaftem Verlust der fronto-parietalen Behaarung beidseits

Abb. 7: Zustand ein Jahr späternach Haartransplantation
mitjeweils 550 Grafts
4) Narbige Alopezie nach Notfalleingriff
Wenn ausreichend gute Spenderfläche vorhanden und die Kahlfläche nicht zu groß im Verhältnis zur Spenderfläche ist, dann kann eine Haartransplantation sehr gute Resultate erbringen (Abb. 8–11). Expander- und Lappentechniken liefern im Bereich des Haaransatzes oft keine befriedigenden ästhetischen Resultate.

Abb. 8:Durch eingriffsbedingte Traumatisierung und Durch-
blutungsstörungen wurden die Haarfollikel dauerhaft
geschädigt

Abb. 9: Nach zwei Haartransplantationen mit insgesamt
1.800 Grafts zeigt sich ein natürliches und dichtes Resultat

Abb. 10: Im Haaransatzbereich wurde eine irreguläre
Regularität geschaffen, was in natürlichem Aussehen
resultiert. Sehr wichtig ist die genaue Rekonstruktion der
früheren Haarwuchsrichtung

Abb. 11: Die Detailaufnahme zeigt eine sehr hohe
Haargruppendichte im transplantierten Gebiet, so
dass kaum noch ein Unterschied zur natürlichen
Behaarung besteht
Schlussfolgerung
Haartransplantationen bei Frauen erfordern extrem viel Sorgfalt und stellen an Operateur und Team weitaus höhere Ansprüche als beim Mann. Frauen haben oftmals dünneres Haar und weiches, feineres Gewebe.
Bei guter Tehnik, entsprechend hoher Zahl an Transplantaten und hoher Transplantationsdichte sind bereits mit einer Behandlung sehr gute Resultate zu erzielen. Indikationen sind die androgenetische Alopezie vom männlichen Typ, die androgenetische Alopezie vom weiblichen Typ, hereditäre Alopezieformen wie »Haaransatz, Geheimratsecken« und die Gruppe der narbigen Alopezien nach therapierten Erkrankungen sowie nach Unfällen oder Interventionen (z.B. Radiatio, chirurgische Eingriffe).
Es ist eine auf wissenschaftlichen Grundlagen (Trichodensitometrie, Haarmassenindex) basierende strenge Selektion des Patientenguts im Vorfeld erforderlich. Wegen der Spezialkenntnisse und der erforderlichen Erfahrung ist die Haartransplantation bei Frauen nicht für Anfänger geeignet.
Die Aussicht auf guten optischen Erfolg durch eine Behandlung steigt mit der Erfahrung des Operateurs und seines Teams.
Verfasser: Dr. med. Frank G. Neidel, Dr. med. Karin Leonhardt
www.omnimedonline.de
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